Behindertenschach

Gehörlosenschach

 
Gehörlosensport ist der älteste organisierte Behindertensport der Welt: 1888 entstand in Berlin der erste Gehörlosensportverein in Deutschland. Zu den frühesten Nachfolgern in Sachsen gehörten der Gehörlosen-Sportverein Leipzig 1907 e.V., der Dresdner Gehörlosen –Sportverein 1920 e.V. und der Gehörlosen-Sportverein Chemnitz 1929 e.V. Die Tatsache, dass bereits seit 1778 in Leipzig die erste deutsche Taubstummen-Lehranstalt bestand, hat sicherlich die Führungsrolle des Gehörlosensports innerhalb des Sports der Behinderten gefördert. 1924 wurde der Weltverband des Gehörlosensports (CISS) gegründet, dem 20 Sportarten angehörten. Seit den 1930er Jahren fanden Schachwettkämpfe unter Gehörlosen statt, aber es gab noch keine offizielle Leitung dafür. Die erste Schachabteilung im Gehörlosensport bildete 1942 der Dresdner Gehörlosen-Sportverein.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, entstand der Weltschachbund der Gehörlosen ( ICSC), der seitdem aller vier Jahre Einzel- und Mannschaftsweltmeisterschaften durchführt. Der Leipziger Heinz Meurer wurde 1963 Generalsekretär und 1972 Präsident dieses Verbandes (seinen Rücktritt 1980 veralasste der DTSB). 1992 wählte ihn der ICSC zum Ehrenpräsidenten. In Sachsen begann bald nach dem Krieg ein eigenständiger Wettkampfbetrieb der gehörlosen Schachspieler. Neben Heinz Meurer trug dazu vor allem Heinrich Horst (Deuben) bei. In Dresden gehörte Martin Lehmann zu den Aktivisten, in Leipzig Fritz Schulze. Etwa ab 1958 erfolgte ein Generationswechsel. Seitdem sind in Chemnitz Günter Arnold, in Dresden Wolfgang Krabbe und ab 1965 in Leipzig Frank Brewig die treibenden Kräfte. Alle drei übernahmen führende Funktionen im Gehörlosensport der DDR und wirken heute im Deutschen Gehörlosen-Sportverband.
Der ostdeutsche Gehörlosensport wurde in die Sportvereinigung Einheit eingegliedert; hieraus ergaben sich Vereinsbezeichnungen wie Einheit Leipzig Ost, Einheit Dresden Süd, Einheit Chemnitz - (Karl-Marx-Stadt-) Mitte und Einheit Plauen. Nach der Abschaffung der Länder und der Bildung von Bezirken kam der Gehörlosensport zur Sektion Versehrtensport der DDR und 1960 zum Deutschen Verband für Versehrtensport, der in die Bereiche Blinde, Gehörlose und Versehrte gegliedert war. Die verschiedenen Abteilungen der Gehörlosen-Sportvereine schlossen sich nun Betriebssportgemeinschaften oder ähnlichen gestützten Vereinen an, in denen ihre jeweilige Sportart vertreten war. So ging die Abteilung Schach des Gehörlosen-Sportvereins zur BSG Motor Dresden-Ost (später Pentacon) und blieb dort bis 1990.
Wie die anderen Behinderten-Schachsparten beteiligten sich von 1950 an auch alle Gehörlosen-Schachabteilungen am Wettkampfbetrieb der Sektion Schach der DDR und seit 1958 des Deutschen Schachverbandes der DDR. Die Leipziger und Dresdner gehörlosen Schachsportler erwiesen sich seit Anfang der fünfziger Jahre als die stärksten in Deutschland. Bei den zwischen 1953 und 1955 durchgeführten fünf gesamtdeutschen Meisterschaften der Gehörlosen – zwei Mannschaftsmeisterschaften und drei Einzelmeisterschaften – ging der Titel immer nach Sachsen, nur 1955 wurde diese Serie durchbrochen. Führend waren den Karlsruher Roland Walter durchbrochen.
Kurt Pötzsch (Leipzig) und Willi Müller (Dresden), der 1959 bereits seinen 5. Titel gewann; nur sein Nachfolger Wolfgang Krabbe konnte ihn an Titeln übertreffen (siehe Ergebnisse). Bei der III. Mannschafts-Weltmeisterschaft des ICSC in London 1958 spielte Willi Müller in der gemeinsamen deutschen Mannschaft am 3. Brett und steuerte erfolgreich zum Titelgewinn von Deutschland bei. Von 1962 an nahmen selbständige Mannschaften der DDR an der ICSC-Mannschafts-Weltmeisterschaft teil. Zum Auftakt in Warna (IV. WM) belegte die DDR-Mannschaft mit Wolfgang Krabbe (Dresden), Günter Arnold (Karl-Marx-Stadt) und Willi Müller (Dresden) den 4. Platz. Auch bei den folgenden Weltmeisterschaften kämpften größtenteils Gehörlose aus sächsischen Vereinen für die Mannschaft:

1966 in Leksand (Schweden): 4. Platz mit Arnold und Krabbe,

1970 in Turku (Finnland): 3. Platz mit Arnold, Krabbe und Manfred Lubisch (Leipzig),

1974 in Fredericia (Dänemark): 2. Platz mit Arnold, Krabbe und Lubisch,

1978 in Oberstdorf (BRD): 6. Platz mit Arnold, Krabbe und Frank Brewig, Leipzig

1982 und 1986 keine Teilnahme in Spanien und Portugal wegen sportpolitischer Beschlüsse der DDR,

1990 in Szekesféhervár (Ungarn): 8. Platz mit Arnold, Krabbe und Brewig.

 

 

1990 vereinigten sich die beiden Deutschen Gehörlosen-Sportverbände und damit auch ihr Schachsport; es kam wieder zu gesamtdeutschen Mannschaften. Da in dieser Zeit auch ein starker Generationswechsel stattfand, konnten die sächsischen Vereine bei den Deutschen Meisterschaften zunächst keine vorderen Plätze erkämpfen. Ein erster Erfolg stellte sich 1996 mit dem 3. Platz für Dresden ein. In der Einzelmeisterschaft gelang es Rainer Hofmann (Berlin, später Dresden), bis 2003 fünfmal Deutscher Meister zu werden; 1999 komplettierten hinter ihm Wolfgang Krabbe (2.) und Burkhard Müller (3.) den Erfolg. 2001 gewann Dr. Wolfgang Kössler (Dresden) die Meisterschaft. Einen 3. Platz hatte 1993 Thomas Hoyer (Leipzig) belegt. 2005 kamen Hoffmann auf den 2. und die damals erst 15-jährige Annegret Mucha auf den 3. Platz. 2007 belegten Hoffmann den 3. und Kössler den 4. Rang.
Bei der Mannschaftsweltmeisterschaft 1994 waren zunächst keine sächsischen Teilnehmer vertreten; Deutschland belegte den 9. Platz. 1998 in Luzern wurde Rainer Hoffmann am 1. Brett mit 8 Punkten aus 9 Partien (!) Brettbester; zum 6. Rang für Deutschland trugen auch Krabbe und Brewig bei. Ein besserer Platz der Mannschaft war erreichbar, hätte man mehr Spieler aus Sachsen nominiert. Denn im selben Jahr gewannen die Dresdner Gehörlosen im Kampf mit 14 anderen deutschen Vereinen in Donauwörth ungeschlagen die Deutscher Mannschaftsmeisterschaft. In der Meistermannschaft spielten Olaf Hoyer (4,5), Rainer Hoffmann (7 ), Burkhard Müller (6,5) und Wolfgang Krabbe (5,5).
Die 2. Mannschaft des Dresdner Gehörlosen-Sportvereins belegte sensationell den zweiten Platz vor dem Favoriten Karlsruhe. Der Vizemeister trat mit: Stefan Krause, Dr. Wolfgang Kössler, Eberhard Nitzsche, Richard Michalowski und Wilfrid Zickert an. Im Jahr 2000 kam Leipzig auf den 2.Platz hinter Hamburg. 2002 gelang den Dresdnern zum zweiten Mal der Titelgewinn (Leipzig belegte Platz 3), und sie qualifizierten sich für den Europa-Cup in Kiew. Dabei reichte es aber unter 18 Mannschaften nur zum 9. Platz.
2004 und 2006 wurde Dresden jeweils deutscher Vizemeister hinter den mit russischen Spielern verstärkten Hamburgern. Der Gehörlosen-Sportverband Sachsen führte 1991 ein zusätzliches Wettkampfsystem ein, dessen Schwerpunkt die drei folgenden jährlichen Meisterschaften bilden: 1. Mannschaftsmeisterschaft mit normaler Bedenkzeit, Blitz-Mannschaftsmeisterschaft, Blitz-Einzelmeisterschaft.
Seit 2002 finden Offene Dresdner Gehörlosenmeisterschaften im Schnellschach statt, an denen regelmäßig auch Schachfreunde aus Berlin, Leipzig, Halle und Chemnitz teilnehmen. 2004 erhielt die Abteilung Schach des Dresdner Gehörlosen Sportvereins 1920 e. V. den „Sportpreis der Stadt Dresden für herausragende Leistungen im Behindertensport.“
Und es besteht Hoffnung für die Zukunft: Annegret Mucha gewann 2004 bei der Weltmeisterschaft der gehörlosen Frauen die Bronzemedaille, und 2008 wurde sie Juniorenweltmeisterin! Bei der noch nicht erwähnten Mannschaftsweltmeisterschaft 2006 errang Deutschland mit den Dresdnern Rainer Hoffmann und Annegret Mucha die Silbermedaille. Ergebnisse .
Der Beitrag stützt sich auf Zuarbeiten von Wolfgang Krabbe (Dresden).
 

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